Tattoos – Schönheitsideal und Spiegel der Persönlichkeit

Tattoos signalisieren eine Lebenseinstellung, aber auch eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur, da sind sich Experten einig. Ob Tätowierte risikobereiter sind als andere, ist umstritten. Doch gibt es Hinweise darauf.


Auf die Frage, warum Menschen sich tätowieren lassen, gibt es keine einfache Antwort. Aglaja Valentina Stirn ist Ärztin für Psychosomatische Medizin und hat in zahlreichen Studien untersucht, was Menschen dazu bringt, sich Motive in die Haut stechen zu lassen. Der Wunsch, seinen Körper dauerhaft zu verändern, zeugt laut Stirn nicht nur von einem bestimmten Schönheitsideal, sondern auch von einer speziellen Lebenseinstellung. „Wer sich tätowieren lässt, der markiert sich“, sagt Stirn. Tätowierte kommunizieren mit ihrem Körperschmuck und machen damit deutlich, dass sie zur Community gehören. Tattoos dienen somit der Identifikation, sie signalisieren die Zugehörigkeit zur Gruppe.


Stirn unterscheidet zwischen Menschen, die nur ein oder zwei Tattoos haben und denjenigen, die eine Sammelleidenschaft entwickeln. „Für einige wird das Tattoo-Stechen zur Sucht. Sie haben das Verlangen nach immer mehr Tattoos und können ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren.“
Tattoos lassen auf Risikobereitschaft schließen.


Ein von Tattoos überzogener Körper kann auf eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur hinweisen. Stirn hat in ihren Studien festgestellt, dass diese Menschen generell experimentierfreudiger und risikobereiter sind als andere. Das habe sowohl positive als auch negative Auswirkungen. „Einerseits sind sie offen für Neues und abenteuerlustig. Andererseits aber auch ständig auf der Suche nach noch mehr Reizen“, sagt Stirn. „Wer viele Tattoos hat, der neigt etwas mehr zu riskantem Verhalten.“ Dazu gehöre laut Stirn schnelles Autofahren, aber auch Alkoholkonsum.

Psychologe Dirk Hofmeister forscht an der Universität Leipzig darüber, was vor allem junge Menschen dazu treibt, sich Tattoos oder Piercings stechen zu lassen. Die Hauptmotivation von Jugendlicher sei ihr Drang nach Individualität. „Viele wollen einen Vorsprung vor ihrem Nachbarn haben und hervorstechen. Sei es durch Klamotten, Frisur, ausgefallene Hobbys – oder eben Körperschmuck“, sagt Hofmeister. Außerdem seien Tattoos für Heranwachsende ein Zeichen dafür, zur Erwachsenenwelt zu gehören. Jugendlich müssen den Konflikt zwischen elterlicher Abhängigkeit und Autonomie lösen, ein Tattoo könne da ein Zeichen für die Gestaltungsmacht über den eigenen Körper sein.


Neue Lebensabschnitte, wie etwa die Geburt eines Kindes, sind generell beliebte Momente, um sich ein neues Tattoo stechen zu gönnen. „Die meisten Menschen überlegen lange, bevor sie sich tätowieren lassen. Sie entscheiden sich ganz bewusst, welches Motiv sie an welcher Körperstelle wollen“, sagt Hofmeister.
Menschen mit Tattoos sind extrovertierter als andere.


Genauso unterschiedlich wie die Auswahl der Motive sind auch die Charaktere der Tätowierten. Es ist schließlich ein Unterschied, ob sich jemand eine Axt auf den Rücken oder einen Delphin an den Knöchel stechen lässt. Eines scheinen die Tattoo-Träger jedoch gemeinsam zu haben: „Wir sehen in unseren Studien eine leichte Tendenz, dass Menschen mit Tattoos extrovertierter und gesprächiger sind als andere“, sagt Hofmeister. Es gebe in der Community zudem tatsächlich eine Gruppe, die zu abweichendem Verhalten neige und das Klischee des risikofreudigen Tattoo-Trägers erfüllen. Das sei aber eine Minderheit. Deshalb plädiert Hofmeister dafür, Menschen mit Tattoos aus der Schmuddel-Ecke zu holen. Das stigmatisierende Image hält er für nicht gerechtfertigt.


Denn die Tatsache, dass inzwischen fast die Hälfte der 15 bis 25-Jährigen ein Tattoo oder Piercing trägt, ist auch ein Gesellschaftsphänomen. „Es zeigt, wie normal es heutzutage ist, in den Körper einzugreifen“, sagt Stirn. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei zwar größer als noch vor wenigen Jahren, bestätigt Hofmeister, noch immer sei es für viele Arbeitgeber jedoch ein Problem, wenn ihre Mitarbeiter nach außen sichtbar tätowiert sind. Vielleicht, weil sich manche Vorurteile gegenüber Tattoo-Trägern manifestiert haben.

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