Body-Modification Selbstfindung mit drastischen Mitteln

Tattoos waren gestern – heute lassen sich Anhänger des Körperkults den Penis spalten, die Augäpfel tätowieren und sich an Fleischerhaken aufhängen. Manchmal wird die Lust an der Selbstveränderung zur Sucht.

Der bleiche Körper taumelt. Die Knie knicken ein. Der Kopf kippt zur Seite. Dumpf schlägt sein Leib ins Gras, bizarr verdreht, bleibt Achim K. liegen. Auf einer mondbeschienenen Waldlichtung bei Berlin hat sich der 29-Jährige zwei Fleischerhaken durch den Rücken spießen und daran in die Bäume hängen lassen. 15 Minuten währte K.s Tortur. Dann überfiel ihn die Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, war er selig. „Das ist es“, dachte er und wusste, er würde es wieder tun.

 



„Suspension“ („Aufhängen“) heißt die neueste Spielart der Body-Modification, dem Körperkult der Tattoo- und Piercing-Szene. Suspender lassen sich Stahlhaken durch Brustgewebe, Rücken- oder Kniehaut bohren und sich daran mit Seil und Flaschenzug in die Luft zerren. Bis zu 30 Minuten baumeln sie dann, wie geschlachtetes Vieh an lang gezogenen Hautlappen. Austragungsorte der blutigen Spektakel sind Swingerclubs und ungenutzte Fabrikhallen, manchmal auch die grüne Wiese. Die Marter dient der Selbstfindung: Wer sich aufspießen lässt, will das Leben in den Adern spüren. Suspension ist Ritus, Mutprobe und Selbstfindungstrip, manche Teilnehmer nutzen das Aufhängen als Rauschmittel. Sie grinsen, während sie an der Deckenschaukel wippen, weil Adrenalin und Endorphin sie benebeln und euphorisieren. Nebenwirkungen gibt es auch: Ohnmacht und heftiger Muskelkater am Folgetag sind typisch, manchmal reißen die Haken aus der Haut. Nach dem Akt müssen Helfer die luftgefüllten Hauttaschen glattmassieren. Anderenfalls können Keime eindringen, dann drohen schwere Entzündungen.

Chandler Burns, 32, gebürtig in den USA, trägt Backenbart, das Haar ist zu hüftlangen Rastalocken verfilzt, Brandnarben bedecken seine linke Wange, drei Viertel der Körperoberfläche sind tätowiert. Mehr als 30-mal hat sich der Berliner an der Haut in einen Zustand von Erleuchtung reißen lassen. Ein Indianer sei er in seinem vorherigen Leben gewesen, sagt Burns. Auch die pflegten – wie die indischen Fakire – Suspension-Rituale, mehrere Tage hingen sie an der Brust. Es geht beim Aufhängen darum, „andere Zustände“ zu erreichen, sagt Burns. „Ein Fan von Schmerzen bin ich nicht.“




WEITERE INFORMATIONEN FINDEN SIE HIER

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

drei × eins =