Solche Studien braucht kein Mensch

Eine Meldung über eine Studie, nach der tätowierte Jugendliche zu riskantem Verhalten neigen, empört die Tattoo-Community. Tätowier-Profi Andy Schmidt erklärt im Interview, warum er über die Studie lachen muss. Anbei ein Auszug dieser Thematik.


Gestern veröffentlichte FOCUS Online einen Bericht über eine französische Studie, die einen Zusammenhang herstellt zwischen Tätowierungen und „risikofreudigem Verhalten“, gemeint waren erhöhter Alkoholkonsum und ungeschützter Sex. Die Wissenschaftler hatten knapp 3000 Jugendliche samstags nach dem Kneipenbesuch nach Tätowierungen oder Piercings befragt und sie anschließend ins Röhrchen blasen lassen. Ergebnis: Die Tätowierten oder Gepiercten hatten mehr Alkohol getrunken als die ohne Tattoo oder Piercing. Die Wissenschaftler schlossen daraus: Ein Tattoo oder ein Piercing bei einem Jugendlichen kann Eltern als Warnzeichen dienen. Die Wissenschaftler schlagen Eltern oder Lehrern vor, mit den Jugendlichen ein Gespräch über Alkoholkonsum oder andere „riskante Verhaltensweisen“ zu führen.

Die Meldung entfachte viel Wirbel in der Netz-Community, auf der Facebook-Seite von FOCUS Online wird kontrovers diskutiert – besonders die Tattoo-Szene war in Aufruhr. Andy Schmidt ist 2. Vorsitzender des Vereins Deutsche Organisierte Tätowierer und erklärt, was er von der Studie hält.


FOCUS Online: Es gab gestern auf FOCUS Online eine Meldung über eine Studie über Tätowierungen …

Andy Schmidt (lacht)

FOCUS Online: Klingt, als sei Ihnen die Meldung bekannt.

Schmidt: Jemand hat mir die Meldung auf Facebook weitergeleitet. Mein erster Gedanke war: Haben die das nötig? Das ist doch Bild-Zeitungs-Niveau. Solche Studien braucht kein Mensch.

FOCUS Online: Was genau stört Sie an der Studie?

Schmidt: Das hätte man doch auch mit roten Unterhosen machen können. Wer hat mehr getrunken, Leute mit roten Unterhosen oder Leute mit weißen? Statistisch gesehen müsste man auch unter der Dachrinne schlafen statt im Bett, weil die meisten Menschen im Bett sterben. Zum Glück wurde für die Studie das Steuergeld der Franzosen rausgeschmissen, kein deutsches. Ich frage mich: Was will man erreichen mit der Studie?

FOCUS Online: Der Gedanke war wohl, dass Eltern Tätowierungen als Warnzeichen deuten können, und dann das Gespräch über Alkoholkonsum suchen können.

Schmidt: Dazu muss man für Deutschland erst einmal sagen: Tätowiert werden nur Erwachsene. Zumindest für in Verbänden organisierte Tätowierer ist klar: Minderjährige sind tabu. Wir können hier also nur über 18-Jährige und Ältere sprechen.

FOCUS Online: Was können Sie über junge Menschen, die sich bei Ihnen tätowieren lassen, sagen?

Schmidt: Die Jugendlichen haben heute eine völlig andere Einstellung. Tätowierungen sind heute viel selbstverständlicher geworden als früher. Früher war ein Tattoo Rebellion, heute schenken Eltern Tattoo-Gutscheine zu Weihnachten. Häufig machen sich die jungen Menschen dabei gar keine Gedanken, wie sie ein Tattoo an einer gut sichtbaren Stelle später mit ihrer Arbeit vereinbaren sollen. Ich erlebe viel No-Future-Denken.

FOCUS Online: Würden Sie aus dieser Erfahrung heraus auch sagen, dass tätowierte junge Menschen risikofreudiger sind als nicht-tätowierte?

Schmidt: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich kann da keinen Zusammenhang erkennen. Ich empfinde die Jugend heute als ich-bezogener als früher. Alles ist so unsicher, es gibt keine Pläne. Solche Dinge wie Flatrate-Saufen, das gab es doch früher nicht. Aber ich kann keinen Unterschied zwischen Tätowierten und nicht Tätowierten erkennen.

FOCUS Online: Was für Menschen lassen sich tätowieren?

Schmidt: Tätowieren ist ein Lebensgefühl geworden. Es ist absolut gesellschaftsfähig. Als ich mir in den 80er-Jahren meine erste Tätowierung habe stechen lassen, hat das meinen Eltern noch Angst gemacht. Heute lässt sich jeder tätowieren, und niemand ist mehr schockiert. Wer sich tätowieren lässt, entwickelt oft ein intensives Interesse am Thema, Tattoos werden zum Hobby …

 

 

 

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