tatto alter

 

 

Alter schützt vor Tattoos nicht. Immer mehr Menschen lernen die Kunst der Körperbilder auch noch im gehobenen Alter zu schätzen. Eva, Moni und Emu gehören dazu und CLASSIC TATTOO – Das Magazin stellt sie Euch vor.

 

Eigentlich gelten Tattoos als Jugendphänomen. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, um festzustellen, dass der permanente Körperschmuck in erster Linie von jüngeren Semestern zur Schau getragen wird. Auch in der Meinungsforschung sind es die „unter Dreißigjährigen“, die Tattoos zu über 70 Prozent sexy finden, während Statistiken besagen, dass der Großteil der Tattoo-Novizen zwischen 14 und 24 Jahren alt ist. Und wenn einem doch mal ein tätowierter Mitfünfziger über den Weg läuft? Na, dann hat er wahrscheinlich im Knast gesessen. Oder er ist zur See gefahren. Und die ältere Lady mit dem Drachentattoo auf der Schulter? Wahrscheinlich ist ihr Tattoo eine Jugendsünde. Oder sie ist mit einem Rocker befreundet – so zumindest die landläufige Meinung.

 

 

Eva kann mit solchen Vorurteilen nichts anfangen. Die 58-jährige ist Vertreterin einer „neuen Generation“ von älteren Menschen, die Tattoos jenseits von Jugendkult und Mottenkistenklischees definieren. Man sieht Eva ihr Alter nicht an und der Drachen auf ihrer rechten Schulter ist so elegant gestochen, dass er perfekt zu ihrem Körper passt. Trotzdem war der Gang ins Tattoo-Studio für sie eine große Überwindung: „Das erste Mal in so einen Laden reinzugehen, ist schon komisch“, erinnert sie sich. „Ich bin davon ausgegangen, dass da nur junge Leute sitzen. Wenn man da als ältere Frau reinkommt, um einen Termin zu machen, überlegt man zwangsläufig, was die über einen denken.“ Doch Eva ist selbstbewusst genug, um sich derartigen Herausforderungen zu stellen. In ihrem Job als selbstständige Ernährungsberaterin muss sie sich täglich behaupten und weiß, dass es nichts bringt, um den heißen Brei herumzureden. „Ich bin also in die Offensive gegangen und hab ohne Umschweife gesagt, dass ich jetzt im hohen Alter noch ein Tattoo haben will.“ Und da sie überdies genau wusste, welches Motiv es sein sollte („Nach dem chinesischen Horoskop bin ich Drache. Ich wusste immer, dass es nur ein Drache werden kann“), lag sie schon vier Wochen später unter der Nadel. „Die ersten drei Minuten mit der kleinen Kreissäge auf der Schulter, habe ich gedacht: Okay, du bist völlig bekloppt. Aber das legte sich. Außerdem habe ich mich ja auf das Ergebnis gefreut.“ Und das kann sich sehen lassen: In geschmeidigen Schwingungen schlängelt sich der Tribal-Drache mit dem feuerroten Auge über Evas rechtes Schulterblatt – eine Körperstelle, die nicht zufällig gewählt ist. „Ich habe mir bewusst eine Stelle ausgesucht, an der die Haut im Alter weniger hängt. Ich will ja auch in zehn Jahren noch an den Strand gehen, ohne dass es unästhetisch aussieht.“ Ihr ausgeprägtes Bewusstsein sieht Eva als Vorteil des Alters. „Ich denke, dass ich mit einer anderen Wertigkeit an das Tätowieren rangehe als viele junge Leute es tun. Es ist auch eine Chance lange gebraucht zu haben, um zu erkennen, dass man das Tattoo wirklich will.“

 

 

 

Eva selbst hat zehn Jahre mit dem Gedanken geliebäugelt. Der Auslöser ihn tatsächlich in die Tat umzusetzen, kam im letzten Jahr, als sie sich nach 15 Jahren Beziehung von ihrem Partner trennte. „Ich musste einen Neuanfang machen. Diesen neuen Lebensabschnitt wollte ich mit dem Tattoo dokumentieren. Meine Freundinnen haben mich für bekloppt erklärt. Jetzt, nachdem sie das Tattoo gesehen haben, sagen allerdings alle: ‚Klasse, so schön haben wir uns das nicht vorgestellt‘. Das ist schon eine Genugtuung.“ Die schönste Bestätigung bekam Eva aber von einer Bekannten, die bereits über 70 ist. „Die meinte zu mir: ‚Du trägst im Sommer bitte ein weit ausgeschnittenes Kleid und zeigst es.‘ Über diese Offenheit habe ich mich sehr gefreut.“ Inzwischen denkt Eva darüber nach, auch ihr linkes Schulterblatt bemalen zu lassen. „Ich bin nachts um drei geboren, das ist die Stunde des Tigers. Vielleicht lasse ich mir also noch einen Tiger stechen. Dann könnten Drache und Tiger auf meinem Rücken miteinander kämpfen.“

 

 

 

Die 50-jährige Moni ließ sich vor sieben Jahren zum ersten Mal tätowieren. Seitdem hat sie die Leidenschaft für Körperbilder nicht mehr losgelassen. Ein Blumenmeer schmückt ihren rechten Arm, ein Leguan die linke Schulter, das linke Bein ist von Tribalmustern und einer Drachensilhouette bedeckt.

Angefangen hat die Bilderflut jedoch mit einem Skorpion am rechten Knöchel. „Ich fand Tattoos schon immer super“, sagt sie. „Aber mir war auch klar, dass ich nicht die ideale Figur und Altersklasse dafür habe. Deshalb habe ich mich lange nicht getraut, mir selbst eins stechen zu lassen.“ Als Moni dann die eigene Tochter zu einer Tattoo-Sitzung begleitete, ließ sie sich spontan selbst einen Termin geben. „Eigentlich war das nur Jux. Ich war mir echt nicht sicher, ob ich das durchziehe. Aber dann kam die Sitzung und ich hab mir mein Sternzeichen stechen lassen, den Skorpion. Der war mir aber bald zu klein. Also hab ich ihn beim Nachstechen durch ein Tribalmuster ergänzen lassen. Dann kam der Leguan. Ich habe halt einen voluminösen Körper Da müssen auch die Tattoos groß sein.“ Monis vier Kinder -die Älteste ist 30, der Jüngste 13- finden ihre tätowierte Mutter cool und ehemalige Klassenkameraden zeigen sich begeistert. Auch ihr Ehemann hat sich nach anfänglicher Irritation an die stetig wachsende Anzahl von Motiven gewöhnt.
 

 

„Aber es gibt natürlich auch negative Reaktionen“, räumt Moni ein. „Gerade neulich meinte eine Bekannte zu mir, dass sie das nicht schön findet. Aber sie verlangt auch nicht, dass ich mir einen Sack über den Kopf ziehe, wenn wir auf die Straße gehen. Im Sommer sieht man meine Tattoos natürlich und dann gucken die Leute. Gerade die Blicke der Älteren sprechen oft Bände. Die kennen so was halt nicht. Und was die Leute nicht kennen, lehnen sie erst mal ab.“ Die Hausfrau ist überzeugt davon, dass es vor allem die Angst vor Ablehnung ist, die ältere Menschen daran hindert, sich tätowieren zu lassen. Was rät sie also Altersgenossinnen, die davor zurückschrecken, den ersten Schritt zu wagen? „Wenn sie es wirklich wollen, sollen sie es machen. Und bei den Motiven darauf achten, dass es zeitlose Motive sind. Außerdem muss man einen Tätowierer finden, vor dem man sich auch im Schlüpfer hinsetzen mag. Beim ersten Mal dachte ich auch: ‚Oh, Gott, was mag der Typ jetzt von dir denken?’ Heute stehe ich zu meinem Körper.“

 

Dieses Selbstbewusstsein teilt Moni mit Emanuel, den alle nur Emu nennen. Der passionierte Kraft- und Fahrradsportler ist 55, was man ihm jedoch nicht ansieht. Seine Tattoos hingegen kann niemand übersehen: den Skorpion auf der Schulter, den fliegenden Fisch auf dem Oberarm oder den chinesischen Faltenhund auf der Wade. „Ich war schon 38, als ich mein erstes Tattoo bekam, also relativ spät dran“, erzählt der sympathische Hallenwart. „Damals war ich mit ein paar Kumpels beim Sechstagerennen und wir haben beschlossen, dass wir uns alle tätowieren lassen. Dann hieß es ‚Emu, du gehst als Erster‘.“ Auch er entschied sich für sein Sternzeichen, den Skorpion. Die Entscheidung für weitere Tattoos trifft Emu bis heute spontan, aus dem Bauch heraus. Inspiration für seine Motive findet er überall.
 

„Für mich ist es wichtig, dass die Motive mir persönlich etwas bedeuten“, sagt er und beginnt, die Ursprünge der Bilder auf seinem Körper zu erklären: „Der Hund auf meiner Wade ist mein Hund Shanghai, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Die Idee für den fliegenden Fisch kam mir auf einer Reise nach Barbados. Da ist er auf den Geldmünzen abgebildet. Das Sternzeichen spricht für sich.“ Der persönliche Bezug garantiert Emu, dass er der Bilder nicht irgendwann überdrüssig wird. Gerade bei der Motivwahl sieht er die Vorzüge, spät mit dem Tätowieren am eigenen Körper zu beginnen. „Wenn man jung ist, greift man schneller auf Motive zurück, die irgendwann aus der Mode kommen. Das beste Beispiel sind die Hirschgeweihe über unzähligen Frauenärschen, die sich Anfang der Neunziger viele haben machen lassen. So was kann nicht passieren, wenn man sich mit den Motiven identifiziert.“

 

 

Eine solche Identifikation macht auch gegen Kritik immun. „Klar gibt es in meinem Umfeld Leute, die sagen: ‚Mensch, Emu, noch ein Tattoo? In deinem Alter?‘, aber das stört mich nicht. Hauptsache ich finde es schön.“ Als nächstes will er sich das Bild seiner toten Mutter auf der Haut verewigen lassen. Besonderen Respekt hat Emu vor der künstlerischen Leistung des Tätowierers. „Ein Motiv so perfekt auf den Körper zu bringen, dass jedes Detail stimmt, ist eine echte Leistung. Ein Maler, dem ein Bild misslingt, kann es immer noch wegschmeißen. Aber ein Tattoo bleibt bis zum Lebensende auf der Haut.“ Das Bewusstsein für die Unendlichkeit ihrer Tätowierungen eint Eva, Moni und Emu ebenso wie das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Alle drei haben sich schon Gedanken darüber gemacht, wozu ihre Tattoos auch nach dem Tod nützlich sein könnten. „Mein Drachen macht mich unverwechselbar“, lächelt Eva. „Sollte ich mal einen Unfall haben und jemand muss mich identifizieren, braucht er nur auf meine Schulter zu gucken.“ Auch Emu sieht es als Vorteil, dass man ihn an seinen Tattoos sofort erkennen wird, wenn er „irgendwann mal auf dem Tisch“ liegt. Moni geht in ihren Gedankenspielen noch weiter. „Vielleicht macht sich mein Mann ja einen Lampenschirm aus meiner Haut, wenn ich mal tot bin“, lacht sie. „Müsste doch geil sein, wenn der meine Haut gerben und mich als Lampenschirm in die Ecke stellen könnte. Ich fände es schade, wenn ich die Tätowierungen mit ins Grab nehmen müsste.“ Andererseits haben es die drei mit dem Sterben nicht eilig. Schließlich wollen sie noch viele Tattoo-Ideen umsetzen. Und so alt sind sie ja auch noch nicht, geschweige denn zu alt.

 

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